Warum der Wald oft ein guter Lernort ist

Gastbeitrag von Liam Muster, Mitgründer von Fokus Nachhilfe


Es gibt diesen Moment am Ende eines Tages im Wald, wenn ein Kind vor dem Feuer sitzt, das es selbst in Gang gebracht hat. Verrusste Finger, müde Augen, und ein Stolz, den man ihm nicht erklären muss. Wenige Tage später sitzt dasselbe Kind vor einem Blatt mit zwölf Rechnungen und gibt nach der dritten auf. Für viele Eltern ist das ein Rätsel. Draussen stundenlang dranbleiben, drinnen keine zehn Minuten. Ich bin Liam, Mitgründer von Fokus Nachhilfe. Wir begleiten in der Deutschschweiz Familien beim Lernen zu Hause, und diese Beobachtung hören wir oft. Sie ist kein Widerspruch. Draussen kann bei Kindern etwas passieren, dass ihnen beim täglichen Lernen helfen kann. Draussen fordert die Aufmerksamkeit nicht, sie zieht sie an – denn ein Wald ist voller Reize. Trotzdem kommen Kinder draussen oft besser zur Ruhe, und wir beobachten folgenden möglichen Grund: im Wald verlangt niemand etwas, resp. eine aktive Handlung, von ihnen. Der Specht klopft, ob man hinhört oder nicht. Ein Bildschirm dagegen fordert ständig eine Reaktion, ein Klassenzimmer verlangt Antworten, die Hausaufgaben wollen erledigt werden. Aufmerksamkeit, die nicht dauernd abgerufen wird, kann sich erholen. Genau deshalb wirken viele Kinder nach ein paar Stunden draussen wie ausgewechselt, wenn sie zurückkommen. Sie sind nicht ruhiger, weil sie sich ausgetobt haben. Sie sind ruhiger, weil ihr Kopf eine Weile nichts leisten – resp. Nicht auf Abruf reagieren - musste. Für den Alltag heisst das wenig Aufwand und viel Wirkung. Die halbe Stunde Draussen vor den Hausaufgaben ist keine verlorene Zeit. Sie ist oft die Bedingung dafür, dass die Stunde danach überhaupt etwas bringt. Selbstwirksamkeit lernt man nicht am Blatt - Wer schon einmal mit Kindern ein Zelt aufgestellt hat, kennt den Ablauf. Es geht schief, es wird geflucht, jemand hat eine Idee, es klappt. Am Schluss steht das Zelt und alle wissen, wer es aufgestellt hat. Das ist die Erfahrung, die im Schulalltag oft am meisten fehlt. Ein Kind erlebt Draussen, dass sein eigenes Tun etwas verändert, sofort und sichtbar. Es hat nicht gewartet, bis jemand kommt und es richtet. Diese Überzeugung, mit eigener Anstrengung etwas hinzukriegen, ist die wichtigste Voraussetzung für Ausdauer beim Lernen. Ohne sie wird jede schwierige Aufgabe zur Bestätigung dafür, dass man es sowieso nicht kann. Die Brücke schlagen Eltern, nicht das Kind - Kinder verknüpfen diese beiden Welten nicht von allein. Für sie ist das Feuer im Wald etwas völlig anderes als das Vokabelheft. Die Verbindung entsteht erst, wenn jemand sie ausspricht. Das geht einfacher, als es klingt. Wenn ein Kind an einer Aufgabe klemmt, hilft die Erinnerung an eine Sache, die es geschafft hat, obwohl sie schwierig war. Der Aufstieg, der zu lang schien. Der Knoten, der beim vierten Mal sass. Nicht als Ermahnung, sondern als Feststellung. Du hast das damals nicht auf Anhieb gekonnt, du hast es geübt. Genauso hilfreich ist, was Eltern draussen ganz selbstverständlich tun und drinnen oft verlernen. Sie schauen zu, wie das Kind kämpft, und greifen nicht ein. Niemand bindet den Knoten schnell selbst, nur damit es vorwärtsgeht. Bei den Hausaufgaben passiert genau das ständig, aus Zeitnot und aus Liebe. Das Kind lernt dann, dass Warten reicht, bis jemand übernimmt. Ein Kind, das draussen etwas selbst zu Ende bringen darf, macht die Erfahrung, dass Mühe sich lohnt. Das ist übertragbar, aber nur, wenn es zu Hause die gleiche Chance bekommt, etwas selbst zu Ende zu bringen. Wenn es am Schreibtisch trotzdem klemmt Manchmal ist es zu Hause auch mit der besten Absicht schwierig. Der Ton wird schärfer, die Hausaufgaben werden zum täglichen Streit, und die Beziehung leidet mehr als die Noten. Dann liegt es selten am Kind und selten an den Eltern. Es liegt oft daran, dass Vater oder Mutter für ein Kind kaum eine neutrale Person sein können. Wer sein Kind liebt, kann seine Leistung nicht nüchtern betrachten, und das Kind spürt das. Genau hier hilft ein Blick von Aussen. Jemand, der nichts zu erwarten hat, mit dem das Kind arbeiten kann, ohne jemanden zu enttäuschen. Das ist der Kern unserer Lernbegleitung zu Hause, und es ist derselbe Mechanismus, der Draussen wirkt. Ein Kind, dem niemand über die Schulter atmet, traut sich mehr zu. Der Wald ist keine Nachhilfe. Aber er zeigt Kindern etwas, das ihnen im Klassenzimmer schwer beizubringen ist – nämlich dass Anstrengung ein Anfang ist und kein Beweis für Unvermögen.

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